
Hier einige Beispiele der lokalen Presse, die sich von Zeit zu Zeit mit uns und unserem Anliegen beschäftigt.
ZDF - Hallo Deutschland vom 04.02.2012
Hier können Sie sich den Beitrag nochmal anschauen.
http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/1560346/Hilfe-für-Obdachlose
Bürokratie gefährdet Selbsthilfe
Seit Jahren macht die Sozialistische Selbsthilfe Mülheim "soziale Umzüge". Doch jetzt will das Ordnungsamt dafür eine Extra-Lizenz sehen. Damit droht dem selbstverwalteten Betrieb das Aus.
von Susanne Gannott
"Seit 25 Jahren fahren wir Umzüge – meist im Auftrag des Sozialamtes". Dass das auf einmal nicht mehr möglich sein soll, will Rainer Kippe von der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM) nicht in den Kopf. Aber wenn es nach dem Kölner Ordnungsamt und dessen Leiter Robert Kilp geht, braucht die SSM für ihre Umzüge wie jede ganz normale Spedition eine "Güterkraftverkehrsgenehmigung". Und nicht nur der selbstverwaltete Betrieb in der Düsseldorfer Straße: Alle sozialen Einrichtungen, die wie Emmaus, De Flo oder Bürger für Obdachlose günstige Umzugsdienste anbieten, müssten eigentlich eine solche Lizenz vorweisen, sagt das Ordnungsamt. Als "Kompromiss" hat die Verwaltung immerhin angeboten, dass diese Gruppen, die sich zum "Verbund gemeinnütziger Kölner Möbellager e.V." zusammengeschlossen haben, nur eine einzige Lizenz für alle brauchen. Aber die müsste sein, meint Kilp und beruft sich, ganz Verwaltungsfachmann, auf die Gesetzeslage: "Das NRW-Verkehrsministerium sagt, auch soziale Vereine müssen die Genehmigung haben". Da hat Martin M., langjähriger Unterstützer des SSM und ihr "Rechtsberater ohne Mandat", seine Zweifel: "Andere Vereine, aber auch die Stadt selbst, haben Gutachten eingeholt, die besagen, dass das Gesetz für soziale Vereine eine Ausnahme vorsieht". Daher hätten es die Vereine des Möbelverbundes bei einer internen Beratung vor einer guten Woche auch abgelehnt, sich auf den "Lizenzkompromiss" der Verwaltung einzulassen. "Keiner von uns kann die Konsequenzen tragen, die mit einer solchen Lizenz verbunden sind". Denn abgesehen von den Kosten für eine solche Güterverkehrsgenehmigung ist damit auch die Anmeldung als Gewerbe verbunden, erklärt Martin. "Aber als soziale Vereine können und wollen wir uns nicht in eine kommerzielle Spedition verwandeln." Dann müsste ein Verein wie die SSM nämlich alle möglichen rechtlichen und steuerlichen Vorgaben erfüllen – und könnte auch die Menschen nicht mehr weiter beschäftigen, die bei der Selbsthilfe ihr Auskommen finden. "Wir arbeiten hier mit Ex-Junkies, Behinderten, Langzeitarbeitslosen und Leuten, die im normalen Arbeitsleben nie bestehen könnten", erklärt Kippe. "Wie sollen die doppelte Buchführung machen?" Dass Kilp trotzdem auf der, wie er sagt, "rein straßenverkehrstechnischen Genehmigung" beharrt, geht offenbar auf das Eingreifen kommerzieller Spediteure zurück, die sich im Jahr 2000 über die unliebsame "Konkurrenz" beschwerten , die vom Sozialamt Aufträge für die Umzüge von Sozialhilfeempfängern bekommt und die sogar mit finanzieller Hilfe des Sozialamtes einen speziellen Umzugslastwagen anschaffen konnte. Seitdem hatten Stadt und Möbelverbund die Angelegenheit jedoch auf unbürokratisch-kölsche Art unter sich ausgehandelt – bis der Fall dieses Frühjahr vom Ordnungsamt wieder "entdeckt" wurde, weil "der zuständige Mitarbeiter seine Wiedervorlage-Akten durchforstet hat", sagt Kilp. Was der Verwaltungsmann gegenüber der taz fast wie einen bürokratischen Betriebsunfall darstellt, der ihn jetzt – leider, leider zum Handeln zwinge, stellt sich den SSM-Leuten allerdings ganz anders dar. "Uns gegenüber hat Herr Kilp deutlich gemacht, dass er sich als Leiter des Ordnungsamtes dazu berufen fühlt, den `Wildwuchs´ der 70er, 80er Jahre mit seinen autonomen Strukturen zu beseitigen", erinnert sich Martin an das letzte Gespräch im Mai. Ob sich das Ordnungsamt damit tatsächlich durchsetzt, ist allerdings noch nicht ausgemacht. Laut Sozialdezernentin Marlis Bredehorst hat zumindest "die Sozialverwaltung kein Interesse daran, den Möbelverbund zu zerschlagen. Die machen ja wertvolle Arbeit, die wir auch finanziell unterstützen." Die Einwände von SSM und Möbelverbund gegen den "Lizenzkompromiss habe man erst vor ein paar Tagen schriftlich bekommen. "Wir werden ihre Argumente prüfen und versuchen, das stadtintern zur Zufriedenheit aller Beteiligten Ordnungsamt, Sozialamt und Möbelverbund zu regeln".
Kölner Stadtanzeiger vom 02.07.2004
Gratis-Angebote stärker gefragt
Verein fordert kostengünstigere Unterbringung von Obdachlosen
Mehrere Einrichtungen für Obdachlosen-Betreuung stellen sich am Wochenende vor.
Bickendorf - Kölns erste Adresse für
Möbel und Gebrauchsgegenstände aus zweiter Hand feiert
Jubiläum. Zehn Jahre besteht der Verein "Bürger für
Obdachlose" (BfO), der seit etwa zwei Jahren in der Silcherstraße
11 ein Möbellager betreibt. Am kommenden Samstag werden hier von
10 bis 16 Uhr Musikprogramm, Kinderschminken, Imbiss und viele
Informationen zum Thema Obdachlosigkeit in Köln geboten. Die Lage
der Wohnungslosen hat sich auch in Köln verschärft, berichtet
der Verbund gemeinnütziger Kölner Möbellager, dem der
BfO zusammen mit sechs weiteren Trägern angehört. Offiziell
sei zwar die Zahl der Obdachlosen in der Stadt zurückgegangen,
doch das, so der Verbund, sei auf eine veränderte Zählweise
zurückzuführen. Zu den Männern und Frauen, die
tatsächlich "auf Platte" lebten, also ohne festen Wohnsitz seien,
kämen zunehmend Menschen, die aufgrund wachsender Armut
Gratis-Angebote in Anspruch nähmen, wie das BfO-Cityprojekt, die
Ausgabe von Suppe und Kleidung montags ab 21 Uhr am Appellhofplatz.
Durch die Sozialreformen, besonders das Gesetzeswerk "Hartz IV", das
die Ausgaben der Arbeitslosenhilfe weiter zurückfährt, seien
alle Kölner Betreuungseinrichtungen oder
Beschäftigungsprojekte für Obdachlose in ihrer Existenz
gefährdet. Der Verbund fordert vor allem, dass
kostengünstigere Alternativen der Unterbringung, wie etwa
Bauwagenplätze, von der Sozialverwaltung in Betracht gezogen
werden, anstelle der häufig praktizierten teuren Hotelunterkunft
für Wohnungslose.
Sommerfest und Infos
Weitere Informationen gibt es heute von 15 bis 21 Uhr bei Sommerfest in
der "Oase" an der Alfred-Schütte-Allee in Poll, wo unter anderem
Kabarettist Jürgen Becker auftritt. Am Samstag lädt der
Verein BfO in sein Lager in der Bickendorfer Silcherstraße 11
ein, und am Mittwoch, 7. Juli, 18 Uhr, informiert in der Einrichtung
"de Flo" des Sozialdienstes Katholischer Männer, Florastraße
114-122 in Nippes, der Verbund Kölner Möbellager über
Müllverbrennung und Recycling. (Rös)
Kölner Stadtanzeiger vom 08.06.2006
Möbel für bulgarische Menschen in Not
Niehl - Nach der kurzen Rückversicherung "Haben alle ihre Arbeitsschuhe und die Arbeitshandschuhe an?" konnte das gute Dutzend Emmaus-Mitarbeiter am Nachmittag endlich loslegen. Sie packten Küchen- und Schlafzimmerschränke, Tische, Betten, Matratzen, Lattenroste und Stühle in den 13 Meter langen Lkw-Anhänger, auf den sie seit den Morgenstunden gewartet hatten. Die Möbel sind für die Gemeinde Foeni in Rumänien bestimmt. Die Ortschaften an der Grenze zu Serbien werden seit einem Jahr von Überschwemmungen heimgesucht. "Die Bewohner werden mit ihrer Not alleine gelassen", sagt Willi Does von der Kölner Emmaus-Gemeinschaft. Emmaus in Europa und insbesondere französische und italienische Gruppen kümmern sich seit einem Jahr um den Wiederaufbau. "Das Besondere an diesem Transport ist, dass erstmalig auch Mitglieder vom »Verbund gemeinnütziger Kölner Möbellager« Möbel zur Verfügung gestellt haben", ergänzt Does. Spenden kamen von der "Mütze", der "Holweider Selbsthilfe" und der BfO", Bürger für Obdachlose. (mak)
Kölner Stadtanzeiger vom 20.12.2000
Gebrauchtes auf dem Gabentisch
Einzigartige Geschenke mit Patina
Wer im Möbellager einkauft, entgeht dem Weihnachtstrubel und tut Gutes
Von Philipp Wurm
Niehl/Nippes - "Hier gibt es ganz viele Dinge, die
zu Menschen sprechen", sagt Sabine Lieder, angesprochen darauf, warum
sie Weihnachtseinkäufe im gemeinnützigen Möbellager der
Emmaus-Gemeinschaft in Niehl tätigt. Bei ihrem letzten Bummel
durch das Lager hat sie eine Christbaumkugel aus dem Jahr 1942
entdeckt. Darauf eine mit Bleistift gekritzelten Inschrift: "Gott
schütze uns vor Krieg und Unfriede." Die mehr als 50 Jahre alten
Lettern haben die 34-Jährige so sehr gerührt, dass sie den
Weg ins Lager erneut gefunden hat. Ihre Ausbeute diesmal: eine
Lederhose zum Preis von 15 Mark - ein preiswertes Weihnachtsgeschenk
für ihren Mann.
Individuelle Note
Der Lauf der Jahrzehnte hat alten Möbeln, Hausrat, ausgefallenen
Deko-Accessoires oder gebrauchten Kleidungsstücken häufig
eine individuelle Note gegeben. "Ich finde es einfach gigantisch, hier
herumzustöbern", schwärmt die Hausfrau. Sabine Lieder scheint
nicht die Einzige zu sein, die von der Innenstadt in die dezentral
gelegenen Kölner Möbellager flieht. Hu¦bert Claves,
zuständig für Betriebsentwicklung und
Öffentlichkeitsarbeit im Verbund gemeinnütziger
Möbellager e.V., berichtet: "In den vergangenen Jahren hat die
Zahl unserer Kunden stetig zugenommen. Man kann eindeutig von einem
Trend sprechen. Das macht sich gerade in der Weihnachtszeit bemerkbar."
Durchaus verständlich - schließlich spielt sich in den
Wochen vor Heiligabend im Zentrum immer das gleiche Szenario ab:
dichtes Gedränge, lange Schlangen an der Kasse, gestresste
Verkäufer, der immer gleiche Weihnachtskitsch in der Auslage. Da
bieten die Möbellager eine lohnenswerte Shopping-Alternative: Hier
ist nichts vom aufdringlichen Weihnachtstrubel zu spüren, und
Schnäppchen sind immer zu ergattern.
Das Beste daran: der Kunde erfüllt mit seinen Einkäufen einen
guten Zweck. Denn die Möbellager sind keine kommerziellen
Anbieter, sondern soziale Institutionen, die Menschen auffangen, die
sonst arbeitslos oder gar obdachlos wären. Insgesamt 118 Menschen
finden in den sieben Mitgliedshäusern des Verbundes
gemeinnütziger Kölner Möbellager e.V. Arbeit als
Verkäufer, Tischler, Schreiner oder "Mädchen für alles"
- und wenn sie die nicht hätten, müssten sie von der
Sozialhilfe leben.
Das mehr als 30 Jahre alte Möbellager der Emmaus-Gemeinschaft ist
das größte und bekannteste in Köln. Die Menschen, die
hier arbeiten, wohnen in einer Lebensgemeinschaft zusammen - und die
finanziert sich einzig aus den Einnahmen des Möbellagers. Pro
Woche wird eine Wohnungsauflösung durchgeführt, den Rest
seiner Ware bezieht das Lager aus Spenden. Georg Kerff, Mitarbeiter bei
Emmaus, hat beobachtet: "Die Kunden kommen aus allen
Einkommensschichten. Es sind einfach Leute, die auch gerne auf
Trödelmärkte gehen und viel stöbern." Ein Bummel durch
ein Möbellager erfordert so auch viel Kreativität. Man muss
stets die Augen offen halten, um die kleinen und großen
Raritäten und Kuriositäten, die zuvor ein Dasein im
Verborgenen gefristet haben, entdecken zu können - eine
50er-Jahre-Stehlampe entfaltet ihre Schönheit meistens erst auf
den zweiten Blick. Neben Einrichtungsinventar gibt es in der
großen Emmaus-Halle fast vergessene Bücher, schrille
Lederjacken oder nostalgische Spielesammlungen aus Großmutters
Zeiten. Und Hausrat en masse: gläserner Eierbecher, Kaffeebecher
mit bizarren Aufschriften, wahlweise elegante oder solide
Kerzenständer.
Um den Möbellagern im Kölner Raum ein Sprachrohr in der
Öffentlichkeit zu verschaffen, wurde vor einem halben Jahr aus
einer Arbeitsgemeinschaft der Verbund gemeinnütziger
Möbellager gegründet. Der Verein bündelt die einzelnen
Mitgliedsorganisationen wie die "Bürger für Obdachlose" (BfO)
oder dem "Umweltzentrum Köln-West". "De Flo", ein kleineres
Möbellager vom Sozialdienst Katholischer Männer in Nippes,
wird voraussichtlich von Januar 2001 an zum achten Mitglied des
Verbundes.
Im Gegensatz zur Emmaus-Gemeinschaft nehmen hier die ABM-Kräfte,
unter ihnen Langzeitarbeitslose und sozial Schwache, auch Tische oder
Stühle mit markanten Schrammen an. Denn "De Flo" arbeitet die
Möbel in seiner Werkstatt auf. Den Mitarbeitern sind bei der
Auswahl der Stücke keine Grenzen gesetzt. "Wir nehmen alles, was
irgendwie verwertbar ist. Und dann wird repariert und nachgebessert",
erzählt Gewerkleiter Andreas Sprenger. Das Ergebnis kann sich
sehen lassen: Makellose Kommoden mit glänzender Politur im
kultigen Stil der 70er Jahre locken auch Studenten, die sich mit ihrer
Einrichtung vom Einheitslook der herkömmlichen
Möbelhäuser abheben wollen.
Der Erlös kommt der katholischen Selbsthilfegruppe zugute, und so
manche Arbeitsstelle ist gesichert, so manches Obdach
gewährleistet. Shopping im gemeinnützigen Möbellager -
das ist eben ein Geben und Nehmen. Und das kommt dem "Fest der Liebe"
doch doch eigentlich sehr entgegen. (Wurm)
Kölner Stadtanzeiger vom 07.08.2002
Die Fachkräfte von der Straße
"Basislager" bietet günstigen Trödel
Der Verein Bürger für Obdachlose hat eine neue Bleibe für sein Gebrauchtwarenkaufhaus: In Bickendorf wurde das "Basislager" wiedereröffnet.
VON OLIVER GÖRTZ
Bickendorf - Manuela Bodeit hat richtig zugegriffen: gleich 14
Bücher auf einmal kaufte die Umschülerin, denn "auf den
Flohmärkten sind die Preise förmlich explodiert. Hier dagegen
kostet ein Buch nur 50 Cent." Fündig geworden ist die Ehrenfelder
Leseratte im frisch eröffneten Gebrauchtwarenkaufhaus "Basislager"
des Vereins Bürger für Obdachlose (BfO). Dort gibt es
freilich nicht nur Bücher, sondern auch Möbel, Geschirr,
Haushaltsgeräte, Kleidung. "Wer will, kann sich hier die komplette
Wohnung einrichten", sagt Ralf Sauder, Vorsitzender der BfO.
Da das vorherige Verkaufslager in Mülheim bald abgebrochen wird,
hat der Besitzer der Halle den Mietvertrag mit dem Verein
gekündigt. Nun hat das "Basislager" in der 500 Quadratmeter
großen ehemaligen Futtermittelhalle eines Anbieters für
Tierbedarf ein neues Domizil gefunden. Dort erwartet den
Schnäppchenjäger ein kunterbuntes Sammelsurium von
nützlicher Second-Hand-Ware und Kuriositäten. Den
Servierwagen für zehn Euro, das Schreibpult aus massiver Kiefer
für 40 Euro, ganze Schrankwände ab 160 Euro. Unter einem
Küchentisch wartet ein alter Koffer auf seinen Käufer. Ein
kleiner Aufkleber auf der Innenwand des Reiseutensils verrät, dass
es einmal 1938 im Hamburger Bahnhof als Gepäckstück
aufgegeben wurde. "Der kostet, sagen wir, 35 Euro", so Sauder, denn die
Preise seien nur "eine Orientierung" – es darf gehandelt werden.
Die Ware bezieht das "Basislager" aus Wohnungsauflösungen und
Entrümpelungen. "Auf Anruf kommen wir vorbei und holen die Sachen
ab. Allerdings kaufen wir nichts an", erklärt der BfO-Chef. Von
den teils obdachlosen BfO-Mitarbeitern würden dann die Möbel
fachgerecht überarbeitet, die Kleidung gereinigt,
Elektrogräte auf ihre Funktionstüchtigkeit geprüft. "Man
glaubt kaum, welch qualifizierte Arbeitskräfte auf der
Straße leben", weiß Sauder. Genau diese Menschen sollen, so
der Vorsitzende, über das Projekt "Basislager" wieder in den
regulären Arbeitsmarkt integriert werden.
Eine der ersten Kundinnen ist Ruth Heil. Die Rentnerin hat sich in
einen Schrank verguckt, doch der "ist leider etwas zu lang", wie die
Zollstock-Kontrolle ergibt. Trotzdem geht sie nicht mit leeren
Händen nach Hause: die 63-Jährige hat eine
großformatige Familienbibel erstanden - und ein Blümchen
geschenkt bekommen, wie jeder Kunde am Eröffnungstag.
Das "Basislager", Silcherstraße 11, hat Montag, Mittwoch und Freitag von 14 bis 18 Uhr und Samstag von 10 bis 14 Uhr geöffnet. Wer gut erhaltenen Hausrat abgeben möchte, kann sich unter der Nummer 02 21/6 40 22 68 melden.
Bickendorfer Interessensgemeinschaft von März 2004
Einkauf im Gebrauchtwaren-Kaufhaus in Bickendorf
von der big – Bickendorfer Interessensgemeinschaft
Ist es Ihnen auch schon einmal so gegangen, dass der
Wunschzettel Ihres Kindes ein bis mehrmals das Bindewort "und"
enthält, Sie aber daraus leider ein "Entweder Oder" machen
müssen?
Zum letzten Weihnachtsfest hatten wir diese undankbare Aufgabe und
entschieden uns für die Anschaffung des gewünschten
Barbieschlosses, zu Ungunsten der ebenfalls ersehnten Schlittschuhe.
Die Freude über das Schloss war groß. Ja, und wenn die
Kinder zufrieden sind, dann können auch die Eltern entspannen. Das
galt im Winterurlaub bei uns auf jeden Fall für drinnen.
Allerdings draußen standen wir schon etwas betreten vor dem
einladenden gefrorenen See. Unsere 6 Jährige angehende
Eisprinzessin fand es wenig attraktiv, nur mit Schuhen auf dem Eis
herumzurutschen. Wir hatten finanziell vernünftig und
wahrscheinlich auch pädagogisch wertvoll gehandelt. Aber irgendwie
tat es uns auch Leid. Ein Dilemma, das mich nachdenklich machte.
Zuhause, wieder in Bickendorf, hatten wir einen Handzettel im Briefkasten, von einem BfO-Basislager, Kölns 1. Adresse für 2. Hand, ein Gebrauchtwaren-Kaufhaus in Köln-Bickendorf. Das kam mir wie gerufen, der Erwerb aus zweiter Hand schien mir die Lösung für solchen Konflikt. Und besonders attraktiv war die Aussicht, nicht am Wochenende bei winterlichen Temperaturen über volle Trödelmärkte laufen zu müssen, mit genervten, unterkühlten Kindern im Schlepptau, nicht im Internet bei Auktionen Fristen einhalten zu müssen, zu feilschen und doch nicht genau zu wissen, wie die Qualität des Ersteigerten ist. Das Angebot versprach, Ware trockenen Fußes zu erwerben, zu Zeiten, in denen die Kinder untergebracht sind und man in Ruhe so richtig stöbern kann. Na bitte.
Vormittags in der Woche, also gemütlich zwischen Kindergarten und Mittagessen, stattete ich diesem Gebrauchtwaren-Kaufhaus einen Besuch ab. Das Gebäude war schnell gefunden hinter dem Westcenter Hochhaus. Als ich in die Verkaufshalle trat, war ich überrascht, wie groß und geräumig diese von innen war. Hier schien es alles zu geben. Ein netter Mann kam auf mich zu, munterte mich auf, mich umzuschauen und fragte, ob ich etwas Bestimmtes suchen würde. "Ja Schlittschuhe, suche ich." "Die sind auf der unteren Ebene zu finden." Die ganz Halle war also noch mal unterkellert. "Vielen Dank, aber erst möchte ich mich ein wenig hier oben umsehen." Und so tauchte ich ein in diese Welt: Die rechte Seite der Halle war voll mit Möbeln jeglicher Art: Küchenteile, Wohnzimmer-, Schlafzimmermöbel, Stühle etc. Links davon gab es eine große Ecke mit Klamotten: Schuhe, Hüte, Jacken, Dessous .... Dahinter standen lange, hohe Regale, voll mit Haushaltwaren: Töpfe, Kaffeemaschinen, Geschirr, Gläser, Waffeleisen... einfach alles. Wie im Flug verging eine Stunde, zeitweise kam ich mir vor wie in einem Museum, nur mit dem Unterschied, dass ich hier alles anfassen, anprobieren und wahrscheinlich auch erwerben könnte. Dann fand ich den Zugang zur unteren Ebene und gelangte über eine Treppe in den Keller. Auch hier wieder Möbel, Haushaltzubehör, eine Bücherecke und ein großes Angebot an Schallplatten. Nur schwer konnte ich der Versuchung widerstehen, in den LP`s zu stöbern. Wie oben, gab es hier unten ebenfalls ein gut sortiertes Angebot an Kleidung und Schuhen. Und dann dort im Schuhregal, was entdeckte ich? Schlittschuhe. Ca. 5 Paare. Und als hätte es sollen sein, gab es die passende Größe für meine Tochter. Spaßeshalber schaute ich auch nach Schlittschuhen für mich. Volltreffer, meine Größe war auch da. Tadellos waren die zwei Paar, das eine fast noch wie neu. Die Kufen gut in Schuss, keine Spur von Rost. Der freundliche Mann an der Kasse wollte nur 6 Euro für die beiden Paare zusammen. Ich konnte es erst nicht so recht glauben, obendrein bot er mir auch noch an, mir einen Kaffee zu nehmen und mich an dem Gebäck zu bedienen, welches extra im Eingangsbereich auf einem Tisch hergerichtet war.
Von da ab war mein Interesse geweckt für dieses Unternehmen, konnte ich mir doch immer noch keinen Reim darauf machen, was BfO Basislager eigentlich bedeutete. Ich fragte nach und wurde an den Projektleiter verwiesen, der aber leider keine Zeit hatte. Ich vereinbarte einen Termin und eine Woche später treffe ich Herrn Kocks, den Projektleiter, in seinem Büro im Basislager zum Interview für die big:
"Herr Kocks, erklären Sie mir doch bitte den Hintergrund dieses Gebrauchtwaren-Kaufhauses." "Die Grundlage des Ganzen ist der 1994 gegründete Verein BfO -Bürger für Obdachlose e.V. Engagierte Bürger haben damals den Verein gegründet, um Obdachlosen konkret zu helfen. Diese Hilfe gliedert sich in drei Bereiche. Das Cityprojekt, das Beschäftigungsprojekt Bickendorf und das Basislager. Mit dem Cityprojekt hat der Verein angefangen. Früher handelte es sich dabei um die Vermittlung von Wohnungen an Obdachlose und den Kauf eigener Häuser für diesen Zweck, in enger Zusammenarbeit mit der Stadt. Heute jedoch umfasst das Cityprojekt hauptsächlich die Austeilung einer warmen Mahlzeit an Bedürftige und Obdachlose, einmal in der Woche um 21.00 Uhr am Appellhofplatz. Viermal die Woche gibt es diese warme Mahlzeit dort, jeden Tag von einer anderen Initiative organisiert." "Warum denn erst um 21.00 Uhr"? möchte ich wissen. "Wissen Sie, die Leute, die diese Mahlzeit kochen, austeilen und anschließend Berge von Geschirr bis in die Nacht spülen, sind ehrenamtliche Helfer, die machen das neben ihrer beruflichen Tätigkeit." Beachtliches Engagement finde ich, regelmäßig einen Abend in der Woche sich Zeit zu nehmen, rein ehrenamtlich! " Was verbirgt sich hinter der Bezeichnung Beschäftigungsprojekt? " "Unser Beschäftigungsprojekt hängt eng mit dem Basislager selbst zusammen. Schon bevor wir unseren Standort nach Bickendorf verlegt haben, hatten wir ein Gebrauchtwaren-Kaufhaus in Köln-Mülheim. Leider mussten wir dort weg, der Standort wurde teuer verkauft. Heute stehen dort ganz noble Gebäude," erinnert sich Herr Kocks wehmütig. "Wir hatten keine Chance. Diese Halle hier in Bickendorf ist eigentlich sehr gut, nur viel, viel teurer als in Mühlheim. Die Miete muss erst mal monatlich aufgebracht werden, deshalb sind wir auch sehr bemüht, in der Umgebung bekannter zu werden. Wir brauchen eine bestimmte Kundenzahl, um unsere Projekte für Obdachlose finanzieren zu können. Wir bieten mit unserem Basislager nicht nur den Kauf gebrauchter Artikel an, sondern auch Entrümpelung, kleine Transporte und Wohnungsauflösungen." "Kann man Sie denn auch anrufen, wenn man für das Basislager Möbelspenden hat?" "Ja, wir holen auch Gebrauchtmöbel, -waren und Textilien bei den Leuten zu Hause ab. Für jede Spende sind wir dankbar, auch Lebensmittelspenden sind uns willkommen, denn diese verteilen wir auch an die Obdachlosen.
Zwischendurch klingelt das Telefon, Herr Kocks entschuldigt sich. Ich schaue mich etwas in seinem Büro um, entdecke das ein oder andere nette "Altertümchen". Ein Kreuz an der Wand fällt mir ins Auge. Dennoch, der Verein ist unabhängig, gehört keiner Institution, keiner Kirche oder sonstigen Gemeinschaft an. Somit gibt es auch keinen Sponsor. Dass ich mit dem Erwerb meiner Second Hand Ware den Verein unterstütze, finde ich nun besonders gut. Als Herr Kocks zurück ist, bitte ich ihn, mir noch etwas über das Beschäftigungsprojekt zu erzählen. "Hier im Basislager beschäftigen wir in Zusammenarbeit mit dem Sozialamt Menschen, die zwar in der Regel wieder einen festen Wohnsitz haben, jedoch den Einstig in den ersten Arbeitsmarkt nicht schaffen. Oft haben sie eine unzureichende Ausbildung, sind belastet mit vielen schlechten Erfahrungen und trauen sich eine feste Anstellung nicht zu. Wir bieten ihnen die Möglichkeit, hier im Basislager mitzuarbeiten, in den verschiedensten Bereichen, natürlich für Geld, im Rahmen eines festen Vertrages. Die Bezahlung erfolgt über das Sozialamt im Rahmen diverser Beschäftigungsmöglichkeiten, z.B. HZA, Hilfe zur Arbeit oder Afl, Anstellung für Langzeitarbeitslose. Wir strecken die Löhne aber vor für das Sozialamt, monatlich oder wöchentlich, abhängig vom jeweiligen Beschäftigungsvertrag. Inklusive der Miete ist das ein Batzen Geld, den wir da monatlich aufbringen müssen." Das finde ich auch und wundere mich, dass solch einem Verein nicht zu weniger Kosten eine Verkaufshalle in guter Lage zur Verfügung gestellt wird, nützt doch solch eine Organisation schließlich dem Allgemeinwohl.
Wehmütig denke ich dabei an die großen neuen Gebäude des Medienzentrums in Köln Ossendorf und verstehe zum x-ten mal nicht, warum in diesen Bereich so viel Geld investiert wird. Wieviel Geld ist ausgegeben worden, um Dschungel WG`s zu beobachten oder Superstars zu krönen. Ich frage mich, wer eigentlich wirklich verdient hat, hervorgehoben zu werden in der Öffentlichkeit ...? "Dann werden Sie hier ja auch mit heftigen Einzelschicksalen konfrontiert, Herr Kocks?" "Das kann ich Ihnen sagen, aber es ist auch toll mitzuerleben, wie die ehemals Obdachlosen hier wieder lernen, Verantwortung zu übernehmen, Vereinbarungen einzuhalten und sich um Qualifizierung bemühen." "Welche Qualifizierungen bieten Sie an?" " Natürlich besonders Lagerhaltung, LKW- und Gabelstapler-Qualifikationen, überhaupt den ganzen Bereich von Transport und Wohnungsauflösung. Außerdem bieten wir Erfahrung im Bereich Wäschepflege und Warenverkauf an, Buchhaltung und EDV Kurse, sogar eine kleine Näherei haben wir jetzt. Für die meisten ist es wichtig, wieder eine Aufgabe zu haben, die auch entlohnt wird, ohne dass die Belastung direkt zu hoch ist. Die Menschen hier haben die Möglichkeit, an ihrer Aufgabe zu wachsen und so ein neues Selbstwertgefühl zu entwickeln. Wir freuen uns sehr, wenn wir den einen oder anderen sogar dann in den ersten Arbeitsmarkt vermitteln können. Oft kommen die Leute auch nur vorbei, um sich einen warmen Mantel abzuholen, einen heißen Kaffee zu trinken und etwas zu klönen."
Das Telefon klingelt wieder, Herr Kocks muss jetzt einem jungen Mann helfen, Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen. Ich bedanke mich für das Gespräch und habe den Eindruck, dass Herr Kocks als Leiter des Beschäftigungsprojektes genau der Richtige ist für diese Arbeit: Es ist diese Mischung aus warmer Menschlichkeit, die dennoch die aufgestellten Regeln und Strukturen nicht aufweicht. Bewundernswert finde ich alle, die hinter diesem Verein stehen, die Zeit und aber vor allen Dingen Vertrauen in Menschen investieren, die unserer Gesellschaft eher unangenehm und lästig sind. Nach dem Gespräch lasse ich mir die Gelegenheit nicht nehmen, noch einmal ein wenig im Basislager zu stöbern. Eine Freundin von mir hat bald Geburtstag und wünscht sich eine rustikale Teekanne. Meinen Vorschlag, ihr eine Gebrauchte zu kaufen, findet sie gut. Gesucht und gefunden ist solch eine Teekanne bald, sogar noch mit Deckel, völlig in Ordnung. Zwei Euro, rechnen Sie sich selbst aus, wieviel weitere Geschenke ich ihr machen kann...
Zu guter Letzt: Das Basislager feiert sein 10-Jähriges Bestehen im Juli. Genaueres wird noch bekannt gegeben, merken Sie sich das bitte schon einmal vor. Jeder Besucher ist herzlich willkommen!
Wenn der Abendbrottisch auf Asphalt steht
Eine mobile Suppenküche in Köln
Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs durch die nächtliche Stadt
Richtung Zentrum. Mein Ziel ist die mobile Suppenküche. Es ist
kalt und der Wind pfeift durch die Strassen. Noch 10 Minuten bis 21.00
Uhr, dann geht es los. In banger Erwartung von unangenehmen Situationen
und Gerüchen radle ich weiter, das WDR-Haus im Blick, nun gilt es
den genauen Standort beim Gerichtsgebäude ausfindig zu machen. Die
Gegend ist völlig verlassen, kein Mensch weit und breit. Hinter
dem düsteren Gerichtspalast, am Ende der kleinen Strasse brennt
ein Licht neben einem Transporter. Beim Näher kommen entdecke ich
eine lange diszipliniert wartende Reihe dunkler Gestalten. Das
müssen sie sein.
So geordnet und ruhig hatte ich mir das gar nicht vorgestellt. Auf dem
Trottoir neben dem Transporter steht ein Klapptisch, vor dem die
Menschenschlange ansteht. Wer dran ist, streckt sein
Plastikschälchen vor und bekommt Nachtsuppe. Es gibt Nudeleintopf,
heute von Emmaus-Mitgliedern ausgegeben. Ich begrüße Willy
Does, den Leiter von Emmaus Köln, einer Lebens- und
Arbeitsgemeinschaft, die sich durch den Verkauf von Secondhandkleidung
und Möbeln finanziert. Emmaus wurde vor 50 Jahren in Frankreich
von Abbé Pierre aus Solidarität mit Armen und Obdachlosen
gegründet. Wer seine Suppe hat, geht zu einem der kleinen
Grüppchen auf der Strasse und isst in Gesellschaft oder allein am
Straßenrand. Ungefähr 70 Personen holen heute Abend Essen,
bis zu hundert Personen sind es sonst, viele Männer und einige
Frauen darunter. Schwester Alexa Weißmüller steht jetzt
neben uns. Die Franziskanerin ist Ombudsfrau für Wohnungslose,
gewählt von 500 Kölner Obdachlosen, die Gesamtzahl für
die Stadt liegt bei mehr als 5000. Schwester Alexa kam vor zehn Jahren
aus dem Mutterhaus der Franziskanerinnen in Olpe nach Köln. Sie
hatte bis dahin theoretisch und als Novizenmeisterin gearbeitet. Ihr
erster Kontakt in Köln war die Notschlafstelle für
Obdachlose, eine ganz neue Welt für sie.
Armutsrisiken: Allein erziehend, Kinder, Arbeitslosigkeit
"Wenn ich hier bin, geht es mir schlecht", sagt eine junge Frau mit
strähnigem Haar, die ihre 38 Lebensjahre, nicht aber ihren
Namen verrät. Sie kommt unregelmäßig her, immer dann,
wenn das Geld nicht mehr reicht. Zu ihrer Lebensgeschichte befragt,
antwortet sie: "Eigentlich ist das hier meine Klientel". Während
ihres Studiums der Sozialpädagogik wurde sie schwanger und war mit
Kind, Geldverdienen und Studieren völlig überfordert. Die
Wohnungssuche nach den ersten Jahren in einem Mutter-Kind-Wohnprojekt
blieb erfolglos. Sie nahm das Angebot der Stadt, einen Platz im
Übergangsheim zu beziehen an. Das ist zehn Jahre her und dabei ist
es bis heute geblieben. Neben der Sozialhilfe lebt sie vom Verkauf
zweier Obdachlosenzeitungen.
Alleinerziehende, ebenso wie Familien mit mehreren Kindern und
Arbeitslose sind einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt, sagen
Willy Does und Schwester Alexa. Das bestätigt auch der
Armutsbericht der Bundesregierung. Beide berichten, dass in den letzten
Jahren verstärkt Familien das Angebot der Suppenküche nutzen.
"Die Sozialhilfe von 240 € für einen Erwachsenen im
Monat reicht heute einfach nicht mehr aus und durch die Sozialreformen
werden immer mehr Alte und Alleinlebende in die Armut gedrängt".
In Köln gibt es etwa 70.000 Sozialhilfeempfänger.
Beziehungslosigkeit katapultiert an den Rand der Gesellschaft
Während des Gesprächs hat sich ein etwa 50-jähriger Mann
genähert, er kommt aus Wipperfürth gelegentlich nach
Köln, "weil es hier mehr Angebote für Wohnungslose gibt",
sagt er. Auf die Frage nach seiner Wohnsituation schildert er seine
Sammelsucht: "Ich kann nichts wegwerfen und irgendwann ist die Wohnung
so voll, dass ich rausfliege. Als Messi kann man in keiner normalen
Wohnung leben, das macht kein Vermieter mit." Er lebt derzeit in einem
Übergangsheim, ist ausgebildeter Buchbinder und hat zuletzt als
Gärtner gearbeitet: "Pünktlich zu sein fällt mir schwer,
das hat mich schon viele Jobs gekostet".
"Obdachlosigkeit entsteht durch Jobverlust, Trennung und
Beziehungslosigkeit im weitesten Sinne", sagt Willy Does und, "die
Alexa ist unsere Streetworkerin". "Ja, lacht sie, "MTA, Mädchen
tut alles". Die Ordensfrau sucht das Gespräch, baut Beziehungen zu
den Leuten auf und vertritt ihr Aufenthaltsrecht in Bahnhöfen und
U-Bahnstationen gegenüber Polizei und Bahnhofsaufsicht. Sie zeigt
auf einen Mann " Der Klaus hat auch Interesse an einem Gespräch,
der geht runter in die U-Bahn, weil es hier so kalt ist." Auch ich bin
trotz Winterschuhen und dickem Mantel durchgefroren. Inzwischen hat
sich die Strasse rund um den Tisch geleert. Die Suppe ist verspeist,
Topf und Tisch werden wieder im Transporter verstaut.
Ein Reisender ohne Ziel
Zusammen mit dem Wipperfürther steige ich hinunter in die
U-Bahnstation. Wir gehen auf eines der beiden Grüppchen an der
Seite zu. "Ist da der Klaus dabei?", frage ich. "Ach, der ist gegangen,
das hat dem zu lange gedauert", sagt einer der beiden Männer. Er
hat keine Lust zu einem Gespräch. Sein Nachbar, ein großer,
schmaler Mann, unauffällig und sauber gekleidet zeigt verhaltene
Bereitschaft zum Erzählen. Sein norddeutscher Akzent lässt
aufhorchen, er kommt aus Hannover und lebt erst seit 18 Monaten in
Köln. Hinter ihm an der Wand lehnt ein grüner Trolley mit
einem Bordcase obenauf. Ein Reisender, unterwegs ohne Ziel und festen
Zufluchtsort. Sein Potenzial sind die Kontakte zu Hausmeistern, die ihm
die Türe öffnen. Sie vertrauen ihm, weil sie wissen, dass er
seinen Schlafplatz pünktlich und ohne Spuren räumt. Bei dem
einen oder anderen hat er Sachen untergestellt.
Der Auftakt zu seiner Lebensform war die erste Flucht von zuhause mit
12 Jahren, weitere folgten. Mit 17 Jahren verbrachte er wegen
Diebstahls das erste Mal Zeit im Gefängnis. Seine Berufsausbildung
als Maler und Lackierer schloss er bei einem längeren
Gefängnisaufenthalt wegen Totschlags ab. Auch er hat in einigen
Obdachloseninitiativen mitgearbeitet, die Zeitungen verkauft, als Maler
gejobbt und zwischen durch auch immer wieder mal in einer Wohnung
gelebt. "So lange renoviert werden musste, ging es. Aber wenn alles
fertig war, habe ich es zwischen den Wänden nicht mehr
ausgehalten. Der Versuch im Bett zu liegen scheiterte. Auf dem Boden
davor konnte ich einigermaßen schlafen". Seinen nahenden 50.
Geburtstag nimmt er zum Anlass über die Zukunft nachzudenken: "Ich
möchte den Rest meines Lebens nicht "auf Platte" verbringen". Ein
erster Schritt in dieser Richtung ist der Termin bei der Clearingstelle
für Wohnungslose beim Arbeitsamt, um eine Stelle als Lackierer in
einer Initiative zu bekommen.
Ein schwer erreichbarer Traum
Auch Emmaus ist offen für Aussteiger, Voraussetzung ist
Eigeninitiative. Wenn einer jammert, sagt Willy Does schon mal "Komm zu
uns, da kannst du wohnen und arbeiten. Arbeit tut gut". An der Stelle
arbeiten Schwester Alexa und Emmaus oft Hand in Hand: sie spricht mit
den Leuten und hat ein feines Gespür dafür, wer zur
Emmausgemeinschaft passen könnte. Doch Emmaus ist nicht jedermanns
Sache und wer dort lebt, muss sich in die Gruppe einfügen, dazu
kommt das Prestige der Gruppe. Es ist unter den Wohnungslosen nur wenig
über dem Leben auf der Strasse angesiedelt. Der eigentliche Traum
heißt "zurück in die bürgerliche Normalität". Doch
Willy Does und Schwester Alexa wissen wie schwer es ist, in den
normalen Alltag zurückzukehren. Wer länger als ein halbes
Jahr draußen war, hat kaum eine Chance es zu schaffen.
Karneval muss sein
Um uns herum geht es jetzt turbulent zu. Morgen ist Weiberfastnacht und
ein junger Mann erzählt, dass er extra ein paar Euro gespart hat.
Er fragt Schwester Alexa, ob sie morgen im "Dollen Franz" mit "einen
Trinken" geht. "Dann musst du dich aber auch verkleiden" sagt eine etwa
45jährige Frau zu der Nonne. "Ich bin doch immer verkleidet",
antwortet sie und zeigt auf ihre Ordenstracht. "Ja, du bist ein
Pinguin, ein alter grauer Pinguin". Alle lachen und amüsieren sich
köstlich. Zum Abschied bekomme ich auf Kölsch "Un ne
schööne Karneval, Mädsche" nachgerufen.
Ursula Radermacher
Ursula Radermacher ist Mitarbeiterin des Bereichs Bildung, Werbung, Öffentlichkeitsarbeit.
Oasen der Ruhe zum Überleben
Über 5.000 Frauen und Männer in Köln sind obdachlos. In
Cafés und "Restaurants" wie dem "Gulliver" oder der "Lore"
bekommen sie neben günstigem Essen auch etwas Würde und
Normalität
Von Nicole Klemp
Die Stationen von Wolfgangs Leben sind auf seinen Unterarmen tätowiert: "Glaube", "Hass", "Hoffnung". Er kennt das Leben auf der Straße, kennt jeden hier im Lokal: Teddy etwa, die 20-jährige Obdachlose mit dem kleinen Hund "Samson". Sie kommt schon seit Jahren hierher. Genau wie Ernst, der kleinwüchsige Junkie mit der Costa-Brava-Kappe. Das Leben auf der Straße ist ihm anzusehen, wie vielen hier im Lobby-Restaurant "Lore", dem Mahlzeitendienst des Kölner Arbeitslosenzentrums für Obdachlose und Bedürftige.
Sozialarbeiterfreie Zone
Heute gibt es Putengeschnetzeltes mit Spätzle. Teddy, Ernst und 60
andere Bedürftige kommen fast täglich hierher. Für 2,25
Euro bietet das "Lore" jeden Mittag ein warmes Essen mit Vorsuppe,
Dessert und Getränk. Dann sitzen alle zusammen: Obdachlose,
Arbeitslose, Junkies, Rentner, sozial schwache Familien und
Jugendliche, die Platte machen.
Das "Lore" versteht sich nicht direkt als Armenküche. "Wir nennen
uns Restaurant", sagt Geschäftsführer Bernd Hicker. "Hier
muss niemand anstehen. Die Gäste werden bedient wie in jedem
anderen Restaurant auch." Er legt ebenso Wert darauf zu sagen, dass das
"Lore" für die Besucher eine Sozialarbeiterfreie Zone ist.
Sozialpädagogin Christiane von Stockum ist nur für die
Mitarbeiter vor Ort. "Der größte Teil des angesprochenen
Personenkreises lehnt institutionalisierte Hilfen ab", sagt sie.
Dennoch kommen die Besucher manchmal zu Christiane oder zu Wolfgang,
dem Koch, um von ihren Problemen zu erzählen. Die sind den
Mitarbeitern des "Lore" nicht fremd: Sie sind alle Ex-Betroffene und
Teilnehmer im Programm "Hilfe zur Arbeit".
Allein in Köln sind mehr als 60.000 Menschen auf Sozialhilfe
angewiesen, über 5.000 Männer und Frauen sind obdachlos. "Die
Dunkelziffer ist weitaus höher", sagt Pater Hermann-Josef
Schlepütz, Obdachlosenseelsorger in Köln. Sie alle besuchen
die etwas anderen Restaurants der Stadt wie das "Lore", das Café
"Gulliver", eine weitere Einrichtung des Kölner
Arbeitslosenzentrums, das Café Victoria für
Drogenabhängige, das Café Auszeit für obdachlose
Frauen oder die Suppenküche am Appellhofplatz. Weil es immer mehr
Bedürftige gibt, versuchen Kirchen und soziale Institutionen,
diese kostenlose Essensausgabe zu erhalten. An vier Abenden die Woche
werden dort etwa von der Initiative "Bürger für Obdachlose" oder der Emmaus-Gemeinschaft 80-100 Mahlzeiten ausgegeben.
Anders als in den Einrichtungen können die Bedürftigen hier,
wenn sie wollen, anonym bleiben und sich einfach ihr Essen abholen.
Dennoch ist Schwester Alexa, Obdachlosenseelsorgerin in Köln,
stets vor Ort. Sie und Pater Hermann-Josef zeigen überall
Präsenz und fungieren als Bindeglied zwischen den Obdachlosen und
den Einrichtungen. "Bei uns gibt es keine festen Regeln und keine
geschlossenen Räume", sagt Schwester Alexa. "Das erschwert uns zum
Teil die Arbeit, macht es den Obdachlosen aber oft leichter, an uns
heran zu treten." Seit 11 Jahren ist Alexa auf Kölns Straßen
unterwegs und betreut, ermutigt, stabilisiert und begleitet Obdachlose
auf ihrem Weg - wenn es sein muss, auch auf ihrem letzten. Gemeinsam
mit zahlreichen Spendern haben die Schwester und der Pater eine
Interessengemeinschaft gegründet, die auf Kölns
Friedhöfen Gräber aufkauft, um wenigstens einigen Obdachlosen
eine anonyme Beerdigung ersparen zu können.
Familienersatz
Auch die sozialen Einrichtungen sind darauf bedacht, ihre Besucher mit
dem Lebensnotwendigsten zu versorgen und ihnen wenigstens etwas
Normalität zu vermitteln. In den Notschlafstellen für
Drogenabhängige des Sozialdienst Katholischer Männer (SKM)
stehen Küche und Lebensmittel zum Kochen zur freien
Verfügung. Zusätzlich wird den rund 100 Besuchern tags und
nachts eine fertige warme Mahlzeit angeboten – in der Woche
für 50 Cent, am Wochenende kostenfrei. "Doch am beliebtesten ist
bei uns der warme Vanillepudding", sagt Andreas Hecht. Den bekommt man
schon für 25 Cent.
Und auch für das Frühstück gibt es immer eine Adresse:
In den hellen Räumen des Cafés "Gulliver" am Hauptbahnhof
gibt es für einen Euro ein großes
Frühstücksgedeck. Hier kann zudem geduscht werden. Zum Preis
von 50 Cent bekommt man ein Handtuch, Shampoo und eine
Einwegrasierklinge. "Es besteht großer Bedarf an sanitären
Anlagen", sagt Bernd Hicker. "Früher haben sich die Gäste des
"Lore" zum Teil mit dem Wasser aus der Kloschüssel gewaschen."
Diese Erniedrigung bleibt den Besuchern heute erspart. Die
Atmosphäre ist auch hier herzlich. Man hört Gespräche
über Tabakwaren, Wohnung, Job und gemeinsame Bekannte, sieht
Frauen und Männer allein bei Kaffee, Zigarette und einem Buch.
Für alle sind die Armenküchen wie Familienersatz, wie ein
Stück Heimat. Hier können sie sich für einen Moment dem
täglichen Existenzkampf auf der Straße entziehen und
auftanken.
Von Nicole Klemp
Zuhören und den Mund nicht halten
Obdachlos in Köln
Schwester Alexa und Bruder Hermann-Josef sind Obdachlosenseelsorger. Thomas Goebel war mit ihnen auf der Straße.
»Bekommst Du etwa Geld dafür, dass Du mit mir
sprichst?«, hat ihn mal einer gefragt. »Das ist ja
unglaublich, wofür die Kirche Geld ausgibt!« Da wusste er
gar nicht, was er antworten sollte, sagt Bruder Hermann-Josef.
Der Franziskanerpater ist Obdachlosenseelsorger in Köln,
»Straßenseelsorger«. Er teilt sich die Stelle mit
seiner Kollegin, der Franziskanerin Schwester Alexa. Wollte man mit
einem Begriff beschreiben, worin ihre Arbeit besteht, könnte man
sagen: Da zu sein. Auf der Straße, in den Einrichtungen für
Obdachlose, abends bei der Suppenküche auf dem Appellhofplatz.
Gottesdienst und Pfeifentabak
Wenn man mit Bruder Hermann-Josef einen
Vormittag lang über die Schildergasse geht, ändert sich der
Blick. Der Pater sucht zwischen den Passanten hindurch nach
Obdachlosen. Nach Bekannten. Den Bettler vor dem Kaufhaus kennt er,
aber das ist keiner, den er anspricht. »Ein Einzelkämpfer.
Manche wollen in Ruhe gelassen werden.« Der alte Mann im
Rollstuhl weiter vorne freut sich über die Begegnung. Mit beiden
Händen und einem Fuß schiebt er sich langsam vorwärts.
Seine Jacke war schon mal sauberer. Er wohnt im Severinsviertel,
erzählt der Pater später, bekommt eine kleine Rente,
fährt jeden Tag zum Betteln ins Zentrum. In tiefstem Kölsch
erzählt der Mann, wie er sich mit einer Frau gestritten hat, bis
die Polizei kam – und wie die Frau ihm dann Schmerzensgeld zahlen
musste, wegen der Beleidigungen. Bruder Hermann-Josef gibt ihm einen
Zettel mit Terminen: In der ehemaligen Franziskanerkirche in der
Ulrichgasse gibt es Gottesdienste und Bibelstunden. Und Pfeifentabak.
Rolf kommt oft hierher. »Gubbio« heißt die
Begegnungsstätte, nach dem Ort bei Assisi, wo Franziskus den Wolf
zähmte, indem er ihm zu fressen gab. Rolf begrüßt
Schwester Alexa mit einer Umarmung. Als Rolf 15 war, kam er auf die
Straße. Heute ist er 38 und lebt in einer Wohnung in Buchheim,
seit fünf Jahren schon. »Ich hab’ das Wohnen erst
langsam wieder reingekriegt«, sagt Rolf, »da spielte auch
Stolz eine Rolle«. In der Ulrichgasse ist Bibelarbeit, wie jeden
Mittwochnachmittag. Aber erst mal gibt’s Kaffee, ein paar
Weihnachtsplätzchen sind auch noch übrig. Rolf erzählt
gern, am liebsten von seinen Auftritten als Stimmungssänger, bei
Linus’ Talentprobe im Tanzbrunnen, jeden Sommer.
Mitten in der Szene
In der Bibelarbeit geht es um die heiligen
drei Könige, ein Dutzend Leute sind da. Zu den Gottesdiensten
kommen manchmal auch Gäste aus dem Viertel. »Das haben wir
immer gehofft«, sagt Schwester Alexa. »Wir sind eine
Gruppe, und andere kommen von außen dazu. Das kennen die
Obdachlosen sonst nur umgekehrt.«
Es wird heftig diskutiert. Über die drei Könige. Über
Politik und Politiker, über Gewalt-Gene, über Raffgier und
wahre Werte. Und darüber, dass die drei Könige kapiert haben,
was der Stern über der Krippe bedeutet hat, obwohl sie von weit
weg kamen.
1993 zog Alexa gemeinsam mit zwei anderen Nonnen aus dem Olpener
Mutterhaus des Ordens nach Köln. Damals wusste sie noch nicht, was
sie hier wollte. Sie lief systematisch durch das Viertel rund um das
Kloster in der Victoriastraße. »Vor der Tür der
Notschlafstelle gegenüber lagen Drogensüchtige, da musste ich
durch – fast mit Panik«. Im Klingelpützpark kam sie
ins Gespräch mit Obdachlosen. »Nach vier Wochen war ich
mitten in der Szene und wusste: Das ist es.«
Um ihre Stelle musste sie kämpfen. »Vier Jahre war ich frei
schaffend tätig«, sagt sie. Bis die Kirche dann endlich zwei
halbe Gehälter bezahlte. »Wir sind Schwester und Pater
für alles«, sagt Alexa. »Wir können uns den
ganzen Tag mit einem Menschen befassen, wenn’s sein muss. Die
Leute kommen mit allen Problemen – auch wenn sie eine Decke
brauchen. Da habe ich das Glück, dass meine lieben Mitschwestern
in Olpe das ganze Jahr stricken.«
Ein Monat Erholung
Seit sieben Jahren arbeiten Alexa und
Hermann-Josef zusammen. Sie kennen ihre Leute, erzählen einander,
wer wen getroffen hat, dass der große Dunkle mit der Frau wieder
mal da war, dass Elsa noch im Krankenhaus ist. Sie haben feste
Anlaufstellen, die sie regelmäßig besuchen, dienstags die
Caritas, donnerstags das Lobby-Restaurant, zwischendurch die
Obdachlosenstationen Gulliver und Oase. Einmal im Monat sind sie im
Gefängnis. »Am wichtigsten ist das Zuhören«, sagt
Alexa. »Auch wenn wir die Geschichte schon 25 Mal gehört
haben.«
Vor zweieinhalb Jahren wurde Schwester Alexa zur Ombudsfrau der
Kölner Wohnungslosen gewählt – 510 Wähler
beteiligten sich. Als Ombudsfrau sollte sie bei den ständigen
Konflikten zwischen Sicherheitsdiensten und Obdachlosen im Hauptbahnhof
und in den U-Bahn-Stationen vermitteln. »Die Geschichte ist ein
bisschen im Sande verlaufen«, sagt Alexa. Mit Meldebögen
sollten die Obdachlosen Übergriffe dokumentieren. »Das hat
nicht funktioniert, sofort und genau zu reagieren, das haben sie nicht
geschafft.« Die Atmosphäre sei immerhin etwas besser
geworden. »Wir reden mit allen Seiten. Ich sage auch den
Obdachlosen: Dann dreht halt mal ne Runde zwischendurch, wenn zu viele
zusammen im U-Bahnhof sitzen.« Wenn einer andauernd rausfliegt,
gibt sie ihm auch mal eine Monatskarte der KVB. Dann kann er in der
warmen Bahn oder im U-Bahnhof sitzen. »Das bedeutet einen Monat
Erholung.«
Nässe ist schlimmer
13 Jahre macht Schwester Alexa jetzt den Job,
ist sie auf der Straße, redet mit den Menschen, besorgt Decken,
streitet sich mit Ämtern, der KVB, den Sicherheitssheriffs.
Mühsam? »Natürlich ist das mühsam. Das ist auch
frustrierend.« Und schon ist sie wieder dabei: »Mir hat
einer erzählt, dass er eine Wohnung gefunden hat, die nicht mehr
kostet, als das Sozialamt zahlt. Die hat aber mehr als 45 Quadratmeter,
und das ist nicht erlaubt.« Alexa haut mit der Hand auf den
Klostertisch. »Das kann doch nicht sein, dass der die Wohnung
deshalb nicht bekommt«, sagt sie. »Man kann den Mund nicht
halten, wenn man weiß, wo der Mist herkommt. Aber die politische
Arbeit allein wäre schon ein 24-Stunden-Job. Wir entscheiden uns
dann immer für den konkreten Menschen.«
Letzte Anlaufstelle des Tages ist die Suppenküche am
Appellhofplatz. Rund fünfzig Menschen warten schon, als der
Emmaus-Bus mit dem Essen vorfährt. Achim kommt
regelmäßig hierher. Er wohnt draußen, in einem Zelt.
»Die Kälte ist nicht so das Problem«, sagt er.
Nässe ist schlimmer. »Seit ’79 bin ich unterwegs.
Auslöser war ein Streit mit meinem Vater – um ein
Auto.« Er lacht ein bisschen. »Ich war 19 und hab’
den Käfer gegen die Leitplanke gesetzt. Und der Idiot hat nur an
das Auto gedacht.« Zwischendurch hat er probiert, sesshaft zu
werden. Aber das hat ihn unzufrieden und aggressiv gemacht. »Ich
kann auch nicht besonders gut mit Geld umgehen, da bin ich ganz
ehrlich.«
Bauwagen mit Betreuung
Achim bezieht keine Sozialhilfe, »ich
will nicht nach der Pfeife des Staates tanzen«, sagt er. Er
verdient sein Geld mit dem Verkauf der Obdachlosenzeitung Bank Extra.
Dass der Pater und die Schwester dauernd erzählen, wie schön
er in der Christmette Flöte gespielt hat, ist ihm ein bisschen
peinlich. Achim ist viel herumgezogen in Deutschland, in Köln will
er bleiben. Sein Traum wäre ein Bauwagen, zusammen mit einem
Kumpel: »Ich suche händeringend einen Stellplatz.«
Genau Schwester Alexas Thema: »Ideal sind kleine Zelt- und
Bauwagenplätze mit Betreuung, wo man auch mit der ganzen Unordnung
leben kann, oder zusammen mit Kumpels. Wenn die Leute so primitiv
wohnen – lasst sie doch, wenn sie niemanden stören.«
Aber die Stadt genehmige keine Stellplätze.
Eine Nonne hält Plädoyers für Bauwagenplätze.
Komisch? Eher naheliegend, denkt man, wenn man sie reden hört. Und
dass sie wohl einfach Recht hat. Und dass man dafür wahrscheinlich
lange den Leuten zuhören muss.

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